Du hast per Vorkasse bezahlt – und die Ware kommt nicht. Der Verkäufer antwortet nicht mehr, das Profil ist vielleicht schon gelöscht. Erst Wut, dann Scham, dann die Frage: Was mache ich jetzt? Genau dafür ist dieser Leitfaden da. Er führt dich Schritt für Schritt durch alles, was du als Opfer eines Vorkasse-Betrugs jetzt tun solltest – von der Beweissicherung über die Bank bis zur Strafanzeige bei der Polizei.
Zuerst: Ruhe bewahren – und keinen Cent mehr überweisen
Das klingt banal, ist aber der wichtigste erste Schritt. Betrüger versuchen häufig, nach der ersten Zahlung noch mehr herauszuholen: angebliche Versandkosten, eine „Versandversicherung" oder ein „Restbetrag", ohne den das Paket angeblich nicht losgeschickt wird. Jede weitere Überweisung landet ebenfalls beim Täter.
Zwei Dinge solltest du in den ersten Minuten beherzigen:
- Zahle nichts mehr nach – egal, was der Verkäufer schreibt oder verspricht.
- Lösche nichts: Weder den Chatverlauf noch die Anzeige, weder Mails noch SMS. Alles, was du jetzt löschst, fehlt dir später als Beweis.
Und ein dritter Punkt, der vielen schwerfällt: Drohe dem Betrüger nicht und versuche nicht, ihn selbst „auffliegen" zu lassen. Das bringt dich rechtlich in Schwierigkeiten und warnt ihn höchstens, seine Spuren zu verwischen.
Was du jetzt konkret tun solltest – Schritt für Schritt
Schritt 1: Beweise sichern
Je mehr du der Polizei später vorlegen kannst, desto besser. Sichere deshalb sofort alles, was mit dem Kauf zu tun hat:
- Screenshots der Anzeige – Titel, Beschreibung, Preis, Bilder und vor allem der Nutzername des Verkäufers.
- Den kompletten Chatverlauf – alle Nachrichten zwischen dir und dem Verkäufer, inklusive Datum und Uhrzeit.
- Deinen Zahlungsbeleg – Kontoauszug oder Überweisungsbestätigung mit IBAN und Namen des Empfängers, Betrag und Datum.
- Profil-Informationen – falls das Profil noch existiert: Screenshots von Bewertungen, Mitgliedsdauer und allen angegebenen Kontaktdaten.
- E-Mails und SMS – alles, was der Verkäufer dir außerhalb des Chats geschickt hat.
Speichere die Screenshots am besten zusätzlich in einer Cloud oder schicke sie dir selbst per Mail – falls dein Handy verloren geht oder kaputt, sind die Beweise nicht weg. Wenn du lernen willst, woran du solche Maschen künftig früher erkennst, lies unseren Überblick, wie du Betrug auf Kleinanzeigen-Portalen erkennst.
Schritt 2: Sofort deine Bank kontaktieren
Ruf umgehend bei deiner Bank an – die Hotline findest du auf deiner Bankkarte oder im Onlinebanking. Bitte ausdrücklich um einen Rückruf der Überweisung beziehungsweise den Rückholservice. Dabei kontaktiert deine Bank die Bank des Empfängers mit der Bitte, das Geld zurückzuschicken.
Sei dabei ehrlich zu dir selbst, was die Erfolgschancen angeht:
- Eine Echtzeitüberweisung lässt sich praktisch nicht mehr stoppen – das Geld ist in Sekunden beim Empfänger.
- Eine normale SEPA-Überweisung kann nur gestoppt werden, solange deine Bank den Auftrag noch nicht verarbeitet hat – also meist nur in den ersten Minuten.
- Eine Terminüberweisung lässt sich grundsätzlich bis zum Ende des Geschäftstages vor dem Ausführungstag widerrufen.
Ist das Geld bereits beim Empfänger angekommen, bleibt nur der Rückholservice. Wichtig zu wissen: Ein Anspruch auf die Rücküberweisung besteht nicht – die Empfängerseite muss freiwillig mitspielen. Außerdem können für den Rückruf Kosten anfallen, die sich nach dem Preis- und Leistungsverzeichnis deiner Bank richten. Versuch es trotzdem: Je schneller du reagierst, desto größer die Chance, dass das Geld noch nicht weitergeleitet wurde. Hintergrund dazu, warum eine Überweisung sich nicht einfach zurückbuchen lässt, erklärt auch der Wikipedia-Artikel zum Überweisungsbetrug.
Schritt 3: Strafanzeige erstatten
Das ist der Schritt, den viele aus Scham auslassen – und genau das ist falsch. Eine Strafanzeige kostet nichts, du musst keine besonderen Voraussetzungen erfüllen, und jede Person, die von einer Straftat weiß, kann sie erstatten. Außerdem hilfst du damit auch anderen: Oft laufen gegen denselben Täter bereits mehrere Verfahren, und deine Anzeige liefert das entscheidende Puzzleteil.
Du hast zwei Möglichkeiten:
Online über die Onlinewache. Das geht bequem vom Sofa aus über das zentrale Portal der Polizeien der Länder unter portal.onlinewache.polizei.de. Der Ablauf:
- Du wählst dein Bundesland (entscheidend ist der Ort, an dem du die Überweisung getätigt hast).
- Du gibst deine Personalien und Kontaktdaten an.
- Du schilderst den Sachverhalt: Tatzeit, Tatort (online), Angaben zum Täter – also alles, was du aus Schritt 1 gesichert hast.
- Du lädst Dokumente hoch: Screenshots, Kaufbelege, Chatverläufe.
- Nach dem Absenden erhältst du eine E-Mail mit einer Vorgangsnummer und den Kontaktdaten der bearbeitenden Dienststelle.
Beachte: Vom Absenden bis zur Bearbeitung können mehrere Tage vergehen. Die zuständige Dienststelle prüft deine Anzeige und meldet sich bei Rückfragen von selbst bei dir.
Persönlich auf der Polizeidienststelle. Wenn du lieber mit jemandem sprichst oder der Fall kompliziert ist, geh direkt zur nächsten Dienststelle. Nimm deine Beweise ausgedruckt oder auf einem USB-Stick mit und deinen Personalausweis.
Schritt 4: Den Betrüger auf der Plattform melden
Melde das Profil und die Anzeige zusätzlich auf dem Portal, auf dem der Betrug stattgefunden hat – bei Kleinanzeigen etwa über die Melden-Funktion in der Anzeige oder im Chat. Das schützt andere Nutzer davor, demselben Täter Geld zu überweisen. Deine Strafanzeige ersetzt das nicht und umgekehrt: Mach beides.
Schritt 5: Bei hohem Schaden rechtliche Beratung einholen
Geht es um einen größeren Betrag, lohnt sich der Gang zu einer Rechtsanwältin oder einem Rechtsanwalt – zum Beispiel, um zivilrechtliche Ansprüche gegen den Täter zu prüfen, falls er ermittelt wird. Viele Kanzleien bieten eine kostengünstige Erstberatung an. Ein kurzer, wichtiger Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Er zeigt dir die praktischen Schritte, aber bei rechtlichen Fragen im Einzelfall brauchst du professionellen Rat.
Bekomme ich mein Geld zurück? Die ehrliche Antwort
Niemand kann dir garantieren, dass du dein Geld wiedersiehst – und wer dir das verspricht, lügt. So sieht die Realität aus:
- Der Rückholservice der Bank ist eine Bitte, kein Anspruch. Oft ist das Geld längst weitergeleitet oder abgehoben, wenn die Anfrage ankommt.
- Die Polizei ermittelt, sobald du Anzeige erstattet hast. Die Erfolgschancen hängen stark davon ab, wie viele Informationen du lieferst: IBAN, Name des Kontoinhabers, Chatverläufe und Screenshots erhöhen die Chance, dass der Täter gefunden wird. Gibt es keinerlei Ermittlungsansätze, wird das Verfahren allerdings eingestellt.
- Vorsicht vor „Recovery"-Betrügern: Kriminelle suchen gezielt nach Betrugsopfern in Foren und sozialen Netzwerken und bieten an, das verlorene Geld „zurückzuholen" – gegen Vorkasse, versteht sich. Das ist die nächste Masche. Seriöse Hilfe verlangt niemals Geld im Voraus von einem Opfer.
Dass du trotzdem in jedem Fall Anzeige erstatten solltest, hat einen einfachen Grund: Ohne Anzeige passiert garantiert nichts. Mit Anzeige besteht wenigstens eine Chance – und du schützt andere.
Was du auf keinen Fall tun solltest
- Weitere Zahlungen leisten – keine „Versandkosten", keine „Kaution", keine „Stornogebühr".
- Den Täter bedrohen oder bloßstellen – das kann dich selbst strafbar machen.
- Auf „Geld-zurück-Garantien" hereinfallen – weder von angeblichen Recovery-Firmen noch von selbsternannten Helfern im Netz.
- Deine Zugangsdaten preisgeben – falls du dem Betrüger irgendwo Passwörter oder Bankdaten genannt hast, ändere sie sofort und informiere deine Bank.
Für künftige Käufe lohnt es sich übrigens, die sicheren Zahlungsarten für Kleinanzeigen zu kennen – Vorkasse per Überweisung an Fremde gehört definitiv nicht dazu. Und falls der Kontakt zum Betrüger über gefälschte Mails lief, hilft unser Leitfaden, wie du Phishing-Mails erkennst.
Häufige Fragen zum Vorkasse-Betrug
Kann ich eine Überweisung nach einem Betrug rückgängig machen?
Eine bereits ausgeführte Überweisung kannst du nicht einfach zurückbuchen – anders als eine Lastschrift. Deine einzige Chance ist, sofort deine Bank anzurufen und um einen Rückruf (Rückholservice) zu bitten. Bei Echtzeitüberweisungen ist das praktisch aussichtslos, bei normalen Überweisungen nur in den ersten Minuten möglich. Ist das Geld beim Empfänger, bittet deine Bank dessen Bank um Rücksendung – einen Anspruch darauf hast du nicht.
Wo kann ich online Anzeige wegen Betrugs erstatten?
Über die Onlinewache der Polizei deines Bundeslandes, erreichbar über das zentrale Portal portal.onlinewache.polizei.de. Dort wählst du dein Bundesland, schilderst den Fall, lädst Beweise hoch und erhältst eine Vorgangsnummer per E-Mail. Alternativ geht das persönlich auf jeder Polizeidienststelle.
Was kostet eine Strafanzeige?
Nichts. Die Erstattung einer Strafanzeige ist in Deutschland kostenlos, und du musst keine besonderen Voraussetzungen erfüllen. Lass dich also nicht von der Sorge vor Kosten oder Aufwand abhalten.
Was passiert, nachdem ich Anzeige erstattet habe?
Die zuständige Polizeidienststelle prüft deine Anzeige und beginnt mit den Ermittlungen – etwa, indem sie den Kontoinhaber über die IBAN identifizieren lässt. Bei Rückfragen meldet sich der Sachbearbeiter bei dir. Du erhältst außerdem einen Einstellungsbescheid, falls das Verfahren mangels Ermittlungsansätzen eingestellt wird.
Der Betrüger sitzt vermutlich im Ausland – bringt die Anzeige trotzdem etwas?
Ja. Viele Täter nutzen zwar ausländische Konten oder Strohleute, aber auch dann landet deine Anzeige in den Akten und kann mit anderen Verfahren verknüpft werden. Manchmal führen Spuren doch zu Tätern im Inland, etwa über Geldwäschekonten. Ohne Anzeige passiert jedenfalls nichts.
Ich schäme mich, darauf hereingefallen zu sein – muss ich das wirklich melden?
Du musst dich für nichts schämen: Betrüger sind Profis, die mit psychologischen Tricks arbeiten – Zeitdruck, Schnäppchenpreise, freundliche Nachrichten. Täglich fallen tausende Menschen darauf herein. Die Polizei erlebt das jeden Tag und verurteilt dich nicht. Und nur wer meldet, gibt den Ermittlern eine Chance, den Täter zu stoppen. Weitere Hilfestellungen und Sicherheitsartikel findest du in unserem Markt de Ratgeber.
Fazit: Handle schnell, sichere Beweise, erstatte Anzeige
Vorkasse-Betrug ist ärgerlich und oft teuer – aber du bist dem nicht hilflos ausgeliefert. Sichere sofort alle Beweise, kontaktiere deine Bank wegen eines Rückrufs, erstatte Strafanzeige über die Onlinewache und melde den Betrüger auf der Plattform. Ob du dein Geld zurückbekommst, ist ungewiss; dass du alles richtig gemacht hast, liegt in deiner Hand.











